Dinosaurier auf dem Bio-Bauernhof

2009/06/11 at 02:07

Manchmal springt einem die Geschichte einfach ins Gesicht. Neulich war ich mit meinen Söhnen einkaufen. Auf dem Rückweg kamen wir auf dem Südwestkorso direkt neben dem Kleinen Theater an einem Haus vorbei, aus dem jemand auszog. Auf dem Bürgersteig stand jede Menge Krempel, unter anderem ein verdreckter alter Computer. Ich bin normalerweise kein Sammler, aber dieses Gerät zog mich magisch an. Wir warteten, bis jemand aus dem Treppenhaus kam, und fragten, ob sie diesen Computer verschenken wollten. Sehr gern wollten sie das, denn sie hätten ihn sonst weggeworfen.

Commodore 8032 SK

Also luden wir das Teil in unser Nihola und brachten es in mein Büro. Eine Woche später rückten wir dem verdreckten Ungetüm mit einer vorsichtig dosierten Menge Wasser und Putzmitteln zuleibe. Jetzt strahlt der Commodore 8032-SK fast wieder in altem Glanz. Auf seinem Typenschild steht „Made in Western Germany“, und nach meinen Recherchen müsste er etwa Baujahr 1983 sein. Nach dem Putzen schalteten wir ihn an. Ich schickte die Jungs raus auf den Flur, weil ich nicht sicher war, was der alte Röhrenbildschirm beim Anschalten machen würde. Es geschah aber nichts Schreckliches – der Computer bootete, piepste, und meldet dann stolz, dass er fast 32 Kilobyte Arbeitsspeicher frei hätte. (Commodore Basic 4.0 hat übrigens nichts mit der Programmiersprache Basic zu tun, sondern so hieß das Betriebssystem.)

Leider hat unser Rechner keine Tastatur. Es ist wohl auch nicht ganz leicht, eine passende Tastatur zu finden. Im Prinzip passen alle Tastaturen der Commodore CBM-Baureihe dazu, aber Ausnahmen sind anscheinend eher die Regel. (Es gibt zum Beispiel DIN- und ASCII-Tastaturen.) Die Tastatur wurde nicht über ein Kabel angeschlossen, sondern als externes Bauteil („SK“ stand für „separate keyboard“) vorne in den Schnittstellen-Schacht eingeklinkt. (Bei Commodore-Technikern stand „SK“ übrigens auch für „Scheiß-Kiste“, offenbar wegen der durch die freundliche Bauform bedingte schlechte Wartbarkeit der Maschine.)

Ich habe einen Traum. Statt für den 8032 SK eine halbwegs funktionierende Tastatur zu finden (was ohnehin anscheinend alles andere als einfach ist), würde ich ihn gerne in mein Netzwerk einhängen, ohne Tastatur. Ich stelle mir das so vor: Eine Netzwerkkarte würde an ein wahrscheinlich selbst zu lötendes Bauteil die Steuerbefehle übermitteln, die ich auf einer stinknormalen heutigen Tastatur eines beliebigen anderen Rechners in meinem Netzwerk eintippe. Über Kommentare, die mir Tipps zu diesem ominösen „selbst zu lötenden Bauteil“ geben könnten, wäre ich sehr dankbar!

Weiter geträumt wäre natürlich die Ausgabe nicht nur auf den Röhrenmonitor des 8032-SK, sondern auch an „sonstige Geräte“ eine wundervolle Sache. Immerhin besitzt der 8032-SK Schnittstellen zu einem 8-Zoll-Diskettenlaufwerk, und darüber hinaus war er einer der ersten Mini-Rechner, für die es einen eigenen Nadeldrucker gab. Über diese Schnittstellen müsste es möglich sein, Daten aus dem Gerät auszulesen und irgendwie/irgendwo zu speichern.

Momentan habe ich weder Zeit noch Kraft, meinem Traum nachzugehen, aber dieser Blog-Eintrag ist zumindest schon mal ein Anfang.🙂 Sollte ich es schaffen, meinen Traum zu verwirklichen, und den Commodore 8032-SK in mein Netzwerk einzuhängen, wäre das so, als ob man einen Dinosaurier auf einem Bauernhof auswildern würde. Und da mein Netzwerk ziemlich „green“ ist, wäre der 8032-SK ein Dinosaurier auf dem Bio-Bauernhof.

(„Made in Western Germany“), etwa Baujahr 1983, den wir neulich auf der Straße gefunden haben. Wir haben ihn geputzt und gestriegelt, und jetzt zeigt er nicht nur unsere Spiegelbilder, sondern protzt auch damit, dass

er fast 32 Kilobyte Arbeitsspeicher frei hat.

Commodore 8032 SK

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